Berlin (dpa) 06.10.2008 07:14 MEZ Ein Zusammenbruch des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) ist ein zweites Mal in letzter Minute verhindert worden. Bundesregierung und die deutsche Finanzindustrie vereinbarten am Abend in Berlin ein deutlich aufgestocktes Rettungspaket für den angeschlagenen DAX-Konzern.
Danach will die Finanzindustrie nach Angaben des Finanzministeriums den Umfang der Notfallkredite für den Münchner Konzern auf nunmehr 30 Milliarden Euro verdoppeln. Einschließlich der schon in einer ersten Runde vereinbarten Kredite vom Notenbanksystem in Höhe von 20 Milliarden Euro beläuft sich das neue Rettungspaket für die HRE-Gruppe auf insgesamt 50 Milliarden Euro.
Mit dem neuen, ebenfalls abgesicherten Liquiditätskredit von nochmals 15 Milliarden Euro werde «das Institut stabilisiert und damit der Finanzplatz Deutschland in schwierigen Zeiten gestärkt», heißt es in einer Mitteilung des Finanzministeriums.
Der vom Bund zur Verfügung gestellte Bürgschaftsrahmen von bis zu 35 Milliarden Euro werde nicht verändert. Bis zu einer Gesamthöhe von 14 Milliarden Euro trage der Finanzsektor 60 Prozent (das sind 8,5 Milliarden Euro) und der Bund 40 Prozent der möglichen finanziellen Belastungen, die sich aus einer Inanspruchnahme der Ausfallgarantie ergeben könnten.
Bundesregierung, Bundesbank, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin sowie die Spitzenvertreter der deutschen Kredit- und Versicherungswirtschaft hätten damit eine Lösung für die in den letzten Tagen zusätzlich entstandenen Liquiditätserfordernisse der Hypo Real Estate Group (HRE) erzielt, hieß es in einer Mitteilung des Finanzministeriums weiter.
Ein Zusammenbruch des DAX-Konzerns aus München hätte erhebliche Auswirkungen auf den Finanzmärkten gehabt. Erst am Samstag war das vor einer Woche ausgehandelte erste Hilfspaket für die HRE-Gruppe überraschend geplatzt, weil die Banken ihre Kreditzusagen wieder zurückgezogen hatten. Die Liquiditätslücke bis 2009 war weit größer als der zunächst angenommene Kreditbedarf von rund 35 Milliarden Euro.
Der HRE-Vorstand begrüßte die Vereinbarung. «Wir sind für die Unterstützung aller Parteien sehr dankbar. Die gefundene Lösung stellt sicher, dass die Hypo Real Estate Group stabilisiert wird, auch bei andauernder Finanzkrise über ausreichende Liquidität verfügt und weiterarbeiten kann», sagte Vorstandsvorsitzender Georg Funke am Montagmorgen in München.
Der Deutsche Sparkassen und Giroverband (DSGV) forderte die die Bundesregierung auf, eine Lösung für die gesamte Bankenbranche zu finden. «Wir halten es für wichtig, dass wir von Einzelfalllösungen wegkommen», sagte DSGV-Sprecher Christian Achilles auf Anfrage von Welt Online. Das könne man vermeiden, wenn man einen Risikoschirm für die gesamte Bankenbranche aufspanne.
Quelle: dpaHintergrund-Infos: Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate
München (dpa) 06.10.2008 07:12 MEZ - Der Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate entstand im Jahr 2003, als die HypoVereinsbank ihr gewerbliches Immobilienfinanzierungsgeschäft abspaltete.
Im Oktober 2003 ging die Hypo Real Estate an die Börse und schaffte es dort gut zwei Jahre später in den DAX. Der Konzern beschäftigte Ende 2007 rund 2000 Mitarbeiter, davon knapp 900 in Deutschland.
Zur Hypo Real Estate Holding AG gehören mehrere Banken. Das Geschäft ist in drei Bereiche gegliedert. Die Sparte Commercial Real Estate Finance bietet die Finanzierung gewerblicher Immobilien wie Bürogebäude oder Hotels an. Der Bereich Public Sector & Infrastructure Finance konzentriert sich auf die Finanzierung von Straßen, Krankenhäusern oder Eisenbahnen. Das vergleichsweise kleine Segment Capital Markets & Asset Management widmet sich den Kapitalmärkten und der Vermögensverwaltung. Der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt auf Europa.
Von sich reden machte Hypo Real Estate im vergangenen Sommer, als das Unternehmen den in Irland angesiedelten Staatsfinanzierer Depfa für 5,7 Milliarden Euro schluckte. Durch die Übernahme wollten die Münchner Zugang zu staatlichen Projekten bekommen, auf deren Finanzierung die Depfa weltweit spezialisiert ist. Angesichts klammer Kassen bei Bund, Ländern und Gemeinden galt dies als vielversprechendes Geschäftsmodell.
Zuletzt aber bekam das zuvor gute Image von HRE einige Kratzer ab. Im vergangenen Jahr fiel der Vorsteuergewinn vor allem wegen der Finanzkrise und der Übernahme der Depfa auf vergleichbarer Basis von 1,06 Milliarden Euro auf 862 Millionen Euro. Unterm Strich ging das Ergebnis von 542 auf 457 Millionen Euro zurück. Auch der Aktienkurs litt unter den Problemen. Nach gut 57 Euro im Jahr 2006 stand das Papier am Freitag bei 7,51 Euro. Im Frühjahr stieg der US-Investor J.C. Flowers bei Hypo Real Estate ein. Zuletzt hielt er gut 24 Prozent.
Anfang des Jahres gab die Hypo Real Estate millionenschwere Abschreibungen auf ein US-Wertpapierportfolio bekannt. Die aktuellen Probleme gehen aber auf die Kreditklemme am Geldmarkt zurück, durch die die Depfa nicht genug Mittel zur kurzfristigen Refinanzierung einsammeln konnte.
Quelle: dpa